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Kili Riethmayer
. . . und schaute sehnsüchtig auf das Meer hinaus

Inselgeschichten

228 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-87164-174-9
12 Euro
Mit Illustrationen von Doris Lettmann

Bezug über den Buchhandel bzw. online über diesen Insellink.


Himmlische Höhen und anrüchigste Tiefen finden sich oft zugleich in den betretenen Inselwelten:

"Puh! Wie mögen so prächtige Tiere nur in einer solchen Umgebung leben?", werfe ich den beiden vor.
"Eine rhetorische oder eine anteilnehmende Frage?", entgegnet der größere der beiden Leguane.
"Meine Nase ist eindeutig für rhetorisch, mein Geldbeutel ebenfalls. Ich habe das Radl nur für drei Stunden gemietet. Aber die Neugier ist real. Machen wir's uns also gemütlich!"
"Bitte - der beste Müll ist noch frei!"

Streifzüge, die so weit wegführen wie Ambergris vom europäischen Festland, sind hier vereint mit Ausflügen, die dem europäischen Festlang quasi vorgelagert sind. Streifzüge, deren Phantasie weit wegführen von der Realität, in der sie verankert sind. Ein Boulespiel auf Korsika, das - wie könnte es anders sein - grimmige Clanfehden provoziert; die ungewöhnliche Vollendung eines Aussteiger auf Lanzarote; ein Schwabe, der die Kargheit seines reichsstädtischen Lebens flieht und sich nach Gomera verschiffen lässt; eine Inselpost, die die traurigsten und hervorragendsten Stunden eines Hunderts von Pfeifern anspült. Wie es großen Schicksalen geziemt, sind sie ebenso einfühlsam ins Bild gerückt, wie diejenigen der Geschichten, die die Inselwelten abrunden.



Kreta - Das zweite Opfer
Das Labyrinth des Daidalos, Minotaurus mit seinem gewaltigen Stierschädel, eine Schar von Athener Jungfrauen und Jünglinge, die ihm alle Jahr als Opfer dargebracht werden, die Minotaurus in tierischem Wüten tötet. Bis Munari der Zwittergestalt ihre Wärme entgegenstellt.

... mit aller Willenskraft unterdrückte sie die in ihr aufsteigende Panik, unterdrückte sie das Schütteln des Ekels, die Grimasse des Abscheus. Der grauenhafte Augenblick würde vorübergehen, sie würden leben, sie würden die Sonne wiedersehen, dem Alptraum entfliehen, wenn sie nur jetzt stark bliebe!
Etwas völlig Unbekanntes verwirrte Minotaurus zutiefst. Täppisch, willenlos, durchschritt er die alleine ihm vertrauten Gänge, bis er mit Munari in der Höhle anlangte, die seine Lagerstätte bildete.

 

Symi und Nisyros - Die Königin
Es sollte der ruhige Ausklang auf einer der Gewürzinseln des Dodekanes werden, doch die sich öffnende Tavernentür bei Giorgios kündigt Änderungen an.

Der nervös ausmessende Kopf des Trägers tiefrot. Nicht der eines Betrunkenen, wie ich zuerst vermute, sondern der eines Angestrengten. Weiß bestrumpfte Beine schweben weit über dem Boden herein, münden in einem weißen, langen Rüschenrock. Eine zartgliedrige Hand, die sich auf einen weißen Rüschenschirm stützt. Ein weißer, breitkrempiger, der Gartenlaube oder einem vergleichbaren Fin de Siècle-Modebrevier entsprungener Hut streift fast den Türbalken, beschattet ein ehrfurchtsgebietendes - nicht gerade gerüschtes, eher plissiertes - Gesicht über einer, nun doch wieder: gerüschten, weißen Bluse. Das alles hingebreitet auf einem Thron, der, nun, da der zweite Rotkopf sich ebenfalls in die Taverne hereingeschoben hat, sichtbar auf einem Sänftenunterbau ruht.

"Um Himmels Willen keinen Firlefanz - Phantasie! Geschichten!" Nun denn, wenn die Königin das so wünscht, dann ist das selbstverständlich Befehl an die in einem Meer von Knoblauch und Restina dümpelnden grauen Zellen.

 

La Palma - Sonnenhaar
Man braucht nur einen der Nebelvorhänge etwas zur Seite raffen und ein paar Schritte weiterzugehen, um die Welt der Ahoaritas, der Ureinwohner von La Palma, zu betreten, um den verwehten Klang von Steinen zu vernehmen, mit denen sie Wellen, Mäander und die Umrisse von Abora, dem Sonnengott und Iruene, dem Zerberus der Unterwelt, in Felsenwände und Opferaltäre treiben.

Wer weiß schon, wie es wirklich war, vordem? Als die Ahoaritas ehrfürchtig zu Abora und Iruene aufblickten? Vermutlich nur eine unscheinbare, kluge und leidensfähige Krähe.

Die Krähe holte die Wimpern unter dem Farn hervor und barg sie unter ihren Flügeln. Sie erschauerte unter dem Gold kalter Eigenliebe, das die Krähe heller als alle Paradiesvögel erstrahlen ließ. Der Wind hob die Krähe unspürbar empor und schaukelte sie vom Land hinaus auf das Meer.



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